Biographie

Ein eleganter Stilwanderer am Kontrabass!

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Stilsichere Soloparts, groovender Walking-Bass oder ein dezentes Songfundament am Tieftöner: Musiker Florian Dohrmann hat sich mit seinem Benjamin Patočka-Bass aus Böhmen über die Jahre ein breites künstlerisches Spektrum erspielt. Das Bassmodell mit dem warmen, volltönenden Sound ist mit fast 120 Jahren (gebaut 1903) zwar mehr als doppelt so alt wie sein menschlicher Soundgestalter (*1972 in Tübingen) – aber das verträgt sich hervorragend mit innovativer Musik. Womöglich geben dem ästhetischen Klang die Saiten (angefertigt von Gerold Genssler, Sonores) noch den letzten Schliff – sie sind im Kern aus Seide.

Florian Dohrmanns Ensembles integrieren Stile von Jazz, Soul und Pop über klassische und zeitgenössische Einflüsse bis Klezmer und Weltmusik. Es gab diese Momente und Begegnungen, die seinen Weg in eine bestimmte Richtung lotsten. So begegnete dem begeisterten Klavierschüler, der sich schon auf der klassischen Konzertbühne sah, der elektronische Bass, bald darauf der Kontrabass – und vor allem: der Jazz. Miles Davis’ Quintett-Einspielungen Cookin’, Steamin’ und Relaxin’, alle mit Paul Chambers am Kontrabass, wurden wegweisend für ihn. Er entschied sich für ein Jazz- und Popstudium an der Musikhochschule in Stuttgart. Thomas Stabenow wurde zu einem wichtigen Dozenten und Mentor, jenseits der Hochschule außerdem Dieter Ilg. Zu seinen Vorbildern zählt Dohrmann Jazz-Urgesteine wie Paul Chambers und Charlie Haden, fand und findet aber auch bei anderen Künstlern Inspiration, etwa Dave Holland oder Lars Danielsson.

Ein erstes, ganze zwei Jahrzehnte währendes Trio entstand, als er 25 Jahre alt war und eben noch sein Studium abschloss. Die Zusammenarbeit mit dem zu dieser Zeit erst 16-jährigen Ausnahme-Klarinettisten David Orlowsky erwies sich für ihn als ein wesentlicher Schritt in Richtung großer Bühnen. Es gab zwei Wechsel des Gitarristen, bis sich ab 2005 mit Jens-Uwe Popp auch in dieser Stimme ein langfristiger Mitspieler anschloss. Im Jahr 2019 gaben die drei beim Schleswig-Holstein Musikfestival vier ausverkaufte, rauschende Abschlusskonzerte. Was bis dahin entstanden ist, kann sich hören (und sehen) lassen: mehrere Alben (bei Sony Classical), zwei Ehrungen mit dem ECHO Klassik (für Noema 2008 und für Klezmer Kings – a tribute to Naftule Brandwein and Dave Tarras 2015), Veröffentlichung zahlreicher Kompositionen (bei Schott/Advance Music), und unzählige Konzerte weltweit.

Hierzulande waren die Künstler mit ihrer besonderen Integration von jiddischer Folklore, Klezmer, Klassik, Jazz und anderen Stilen Stammgäste in den Konzertsälen und bei großen Festivals, vom Rheingau Musikfestival über die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern bis zum Schleswig-Holstein Musikfestival. Ihre Konzerttourneen führten sie aber gleichermaßen in die berühmte New Yorker Carnegie Hall, in die Ukraine und nach Südkorea. Zu den Highlights zählen Auftritte mit Orchestern wie der Kammerakademie Potsdam, dem Münchner Rundfunkorchester, dem Aachen Symphonie Orchester, den Nürnberger Symphonikern oder der schwedischen Jonköping Sinfonietta. Dort präsentierten sie ihre Triomusik in großformatigen Arrangements einem begeisterten Publikum. Ebenfalls hören lassen können sich die Kooperationen mit musikalischen Partnern wie Avi Avital, Daniel Hope, Iveta Apkalna, Klaus Paier und vielen anderen.

© Kaupo Kikkas

Ab 2019 hieß es nun aber: Auf zu Neuem!

In den letzten Jahren initiierte Florian Dohrmann verschiedene Ensembles. Das bedeutet mehr Platz für den Kontrabass, denn dort ist er öfter als bisher mit einfallsreichen Soloparts zu hören. Wie bereits im einstigen Trio und anderen, früheren Bands schreibt er außerdem eigene Stücke und Arrangements. Da ist bereits seit 2017 das Jazzquartett Blank Page mit Joachim Staudt (Saxofon, Klarinette), Christoph Neuhaus (Gitarre) und Lars Binder (Schlagzeug). Die vier widmeten ihr Debut dem Komponisten Claude Debussy, von dessen Musik sich einst bereits Jazzlegenden wie Duke Ellington und Bill Evans inspirieren ließen.

Für einen Stilwanderer wie Dohrmann ist das ein ausgezeichneter Anknüpfungspunkt für ein Repertoire, das Debussys Einflüsse erkennen lässt, integriert, umwandelt, ergänzt und erweitert. So sind die bekannten Stücke Claire de Lune oder La fille aux cheveux de lin in stilistisch und klanglich neuem Gewand zu hören, kombiniert mit weiteren Arrangements und Originalen. Das Debutalbum New Impressions of Debussy wurde für die Vierteljahresliste 2/2019 beim Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgewählt.

Gemeinsam mit dem österreichischen Akkordeon- und Bandoneonkünstler Klaus Paier, der früher bereits oft mit dem David Orlowsky Trio musizierte, formierte der Bassist Ende 2019 ein spannendes Duo. Mit einer Menge Freiraum und Souveränität spielen sich diese zwei, die beide selbst komponieren und gern improvisieren, munter Ideen zwischen Bogen und Saiten, Knöpfen und Stimmzungen zu.

Gleich mehrere Funktionen übernahm Dohrmann für das Bühnenprojekt Feeling Good? zu Ehren der außergewöhnlichen Sängerin Nina Simone. Fasziniert von ihrer Musik und ihrem Leben entwickelte er Script, Dialoge und Show, Lichtdesign sowie Filmprojektionen, und lud Künstler in sein Ensemble ein, etwa Sängerin Fola Dada, Erzählerin Katharina Eickhoff, Ulf Kleiner am Klavier, Schlagzeuger Felix Schrack und Gitarrist Christoph Neuhaus. Mit Spannung wurde die Premiere im Theaterhaus Stuttgart bei den Osterjazztagen 2020 erwartet. Wegen Covid musste sie schließlich auf unbestimmte Zeit verschoben werden, so wie viele weitere Konzerte und Auftritte seit Anfang 2020.

Dohrmann und seine Ensembles gehen ihre kreativen Wege trotzdem weiter – in den derzeit vorhandenen Formen. Sobald es möglich ist, werden sie ihre Repertoires wieder live und vor Ort ans Publikum bringen. Schon jetzt ist klar: da wird sicher mehr als eine Premiere dabei sein!

Presse

Dohrmann „(…) entwickelt, vermutlich dank seiner Jazzvergangenheit, einen direkteren Groove, der manchen Zuschauern dermaßen in die Beine fährt, dass sie zu tanzen beginnen. Ob in agilen Läufen oder in druckvollen Noten, stets kultiviert der Kontrabassist einen warmen, tragenden Ton.“

(Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.06.2017)